Abgekartet #3: Nord-Süd- statt Ost-West-Gefälle bei der Schuldnerquote

10. Dezember 2019

30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die deutsche Einheit im Hinblick auf die Schuldnerquoten beinahe vollzogen: Der Unterschied zwischen den östlichen und den westlichen Bundesländern beträgt hinsichtlich des Anteils überschuldeter Menschen an der Gesamtbevölkerung lediglich 0,5 Prozentpunkte. Ganz anders sieht es jedoch im Nord-Süd-Vergleich aus.

Schuldnerquoten im Ost-West-Vergleich
Schuldnerquoten im Nord-Süd-Vergleich

Abbildungen 1 und 2: Schuldnerquoten im Ost-West- sowie im Nord-Süd-Vergleich

Statt eines nennenswerten Ost-West-Unterschieds bei der Schuldnerquote gibt es vielmehr ein beachtliches Nord-Süd-Gefälle: Im Norden Deutschlands liegt die Schuldnerquote bei 5,1 Prozent, im Süden jedoch nur bei 3,9 Prozent. Als Norden betrachten wir hier neben den Bundesländern an der Küste außerdem Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin mit zusammen 41,3 Millionen Einwohnern entspricht diese Gruppe von Bundesländern auch hinsichtlich der Bevölkerung ziemlich genau der Hälfte Deutschlands. Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen und Sachsen sowie natürlich Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland bilden für unsere statistischen Zwecke den Süden. Die Einwohner der Süd-Länder summieren sich auf 41,7 Millionen.

Schauen wir uns die Quoten auf der Ebene der Bundesländer an, wird schnell deutlich, dass das Nord-Süd-Gefälle maßgeblich durch drei Bundesländer verursacht wird: Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. NRW ist mit knapp 18 Millionen Einwohnern das mit Abstand bevölkerungsreichste Bundesland: Es stellt beinahe die Hälfte der norddeutschen Gesamtbevölkerung. Und ausgerechnet NRW ist mit 5,4 Prozent überschuldeter Einwohner Spitzenreiter bei der Schuldnerquote – zumindest was die Flächenländer angeht. Nur in den Stadtstaaten Bremen und Berlin leben prozentual noch mehr amtlich registrierte Schuldner. Die Tatsache, dass NRW in der Nordhälfte Deutschlands liegt, die mit Abstand meisten Einwohner unter den Bundesländern hat und zudem eine der höchsten Überschuldungsquoten, drückt erheblich auf die Schuldnerquote des gesamten Nordens.

Schuldnerquoten der BundesländerAbbildung 3: Schuldnerquoten der Bundesländer

Im Süden glänzen Bayern und Baden-Württemberg hingegen mit den deutschlandweit niedrigsten Schuldnerquoten von 3,5 und 3,8 Prozent. Zudem ist Bayern das zweit- und BaWü das drittbevölkerungsreichste Bundesland. Gemeinsam stellen sie mit über 24 Millionen Einwohnern mehr als die Hälfte der Einwohner Süddeutschlands. Genauso, wie NRW die Gesamtschuldnerquote des Nordens maßgeblich negativ beeinflusst, senken Bayern und BaWü durch ihre sehr niedrigen Quoten, ihre hohe Einwohnerzahl und die Tatsache, dass sie nun einmal im Süden liegen, die Schuldnerquote des gesamten Südens deutlich.

In den übrigen Flächenländern mit Ausnahme Sachsen-Anhalts bewegt sich die Schuldnerquote bei Werten zwischen 4,1 Prozent und 4,8 Prozent und damit relativ nahe am Bundesdurchschnitt von 4,5 Prozent. Das ausgeprägte Nord-Süd-Gefälle ist also im Wesentlichen eines zwischen den statistischen Ausreißern NRW auf der einen sowie Bayern und BaWü auf der anderen Seite. Und weil sowohl NRW als auch Bayern und BaWü im Westen liegen, gleichen die niedrigen Schuldnerquoten von Bayern und BaWü die hohe Quote Nordrhein-Westfalens vollständig aus, wenn wir eine Gesamtquote für den Westen ermitteln, um sie der des Ostens gegenüberzustellen.

Natürlich liefert diese rein mathematische Erklärung der Nord-Süd-Differenz keinerlei Hinweise auf die tatsächlichen Ursachen für die hohe Schuldnerquote in NRW oder die niedrige in Bayern. Im Einzelfall ist es zudem häufig ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die zu Überschuldung führen. Allerdings beherbergt Nordrhein-Westfalen mit dem Ruhrgebiet Deutschlands größten Ballungsraum. Und wie sämtliche Schuldnerstatistiken regelmäßig zeigen, so auch unsere Auswertung der Schuldnerquoten auf Kreisebene, leben in Großstädten generell mehr Schuldner als in kleineren Städten und oder dem Land. Für tiefer gehende Analysen müssten Kennzahlen wie das jeweilige Pro-Kopf-Einkommen, die Lebenshaltungskosten, die Arbeitslosenquote und zahlreiche weitere Faktoren einbezogen werden.


Zur Datenbasis: Amtlich registrierte Schuldner sind Bürgerinnen und Bürger mit einem Eintrag im Schuldnerverzeichnis und/oder im Insolvenzregister. Für diesen Beitrag haben wir aus beiden Verzeichnissen die Einträge vom 5. August 2019 ausgewertet.

Abbildungen: ©Regis24 GmbH