Mein langer Weg ins Homeoffice. Ein Reisetagebuch.

26. März 2020

Es ist Montag, der 16. März 2020. Die Corona-Krise hält die Welt in Atem. Für meine Kolleg*innen und mich ist es der erste Arbeitstag zu Hause: Am Freitag hat unser Management uns für mindestens eine Woche, vermutlich aber auf längere Zeit, ins Homeoffice geschickt.

Ich habe gemischte Gefühle. Zwar habe ich früher bereits mal einen halben oder ganzen Tag von zu Hause aus gearbeitet und weiß, dass das hin und wieder äußerst produktiv sein kann. Aber dieses Mal geht es um viele Tage, vielleicht sogar mehrere Wochen. Ich kenne mich: Disziplin ist nicht unbedingt meine größte Stärke. Außerdem werden mir die Kolleg*innen fehlen, das alltägliche Feedback, die kleinen Späße zwischendurch, das Kickern am Nachmittag.

Was soll’s. Wir haben keine Wahl. Also setze ich mich am Morgen an den PC, schließe Webcam, Mikrofon und Kopfhörer an und erwarte gespannt unser erstes virtuelles Teammeeting. Das klappt zu meiner Überraschung wunderbar, sowohl in technischer als auch inhaltlicher Hinsicht. Die Moral ist gut. Jeder weiß, was zu tun ist und kann loslegen.

Ich habe mir vorgenommen, an einem längeren Blogbeitrag weiterzuarbeiten, der ziemlich rechercheintensiv ist und seit Dezember halbfertig in der Schublade liegt. Doch nach kurzer Zeit schon stelle ich fest, dass ich mein Notizbuch im Büro vergessen habe. Außerdem fehlt mir zu Hause der zweite Bildschirm, mit dem mein Büroarbeitsplatz ausgestattet ist. Ich bin unzufrieden. Soll ich ins Büro fahren und zumindest das Notizbuch holen?

Am Nachmittag verdichten sich die Hinweise auf eine bevorstehende allgemeine Ausgangssperre und darauf, dass nicht-lebensnotwendige Geschäfte dichtgemacht werden könnten. Ich verfalle in Panik. Bin ich auf einen wochenlangen Zwangsaufenthalt in meiner Wohnung vorbereitet? Ich radle ins Büro, sacke mein Notizbuch ein und düse anschließend ins Shoppingcenter, wo ich zwei Romane und eine zwei Terrabyte große externe Festplatte erstehe – letztere soll mir eine Kollegin für den Fall der Fälle mit einer Reihe Serien – selbstredend komplett legal erworben – bespielen.


Am Dienstag, den 17. März, bin ich morgens spät dran. Ich schlafe bis 9.30 Uhr. Praktischerweise kann ich aus dem Hochbett direkt in den Schreibtischstuhl fallen und mich sofort in unseren Firmenchat einloggen. Tada, ich bin präsent! Wen kümmert’s, dass ich verschlafen, ungeduscht und halbnackt bin? Mich jedenfalls nicht. Homeoffice hat durchaus gewisse Vorteile.

Gegen 10.00 Uhr setzen in meinem Zimmer unterschwellige Vibrationen ein. Ich höre ein konstantes Dröhnen im Fast-Infraschallbereich, das mir unangenehm aufs Trommelfell drückt. Ist das mein Nachbar von unten? Es wäre nicht das erste Mal, dass er mich mit seinem Subwoofer in den Wahnsinn treibt. Aber ich kann das Geräusch nicht lokalisieren – es könnte von überall kommen. Vielleicht hört es ja bald wieder auf?

Nach 90 Minuten, in denen ich mich auf nichts als dieses vermaledeite Dröhnen konzentrieren kann, gehe ich nach unten und klingle beim Nachbarn. Der meint, er habe nur ganz kurz mal Musik gehört und jetzt sei bei ihm alles still. Mist! Woher kommt das Geräusch? Mein Mitbewohner hört nichts – leide ich an Halluzinationen oder habe ich einfach empfindlichere Ohren? Ich werfe Google an und stoße auf das Brummton-Phänomen. Das ist zwar faszinierend, bringt mich aber nicht wirklich weiter.

Mir fällt ein, dass wir im Büro Schallschutz-Kopfhörer haben. Warum habe ich nicht eher daran gedacht?! Gegen Mittag schwinge ich mich aufs Fahrrad und radle ins Büro, wobei ich praktischerweise bei meiner Stammkantine vorbeifahre, um dort das Mittagessen einzunehmen. Herrlich! Die regelmäßigen, warmen und einigermaßen abwechslungsreichen Mahlzeiten gehören für mich als kochfaulen Single zu den großen Vorteilen eines geordneten Büroalltags.

Den Nachmittag verbringe ich im Büro. Außer mir sind noch fünf, höchstens sechs Kolleg*innen aus anderen Teams dort, deren Arbeit aus Datenschutzgründen nicht zu Hause erledigt werden kann. Wir halten meterweise Abstand zueinander, fast jede*r hat ein Großraumbüro für sich allein. Die Atmosphäre ist perfekt – hier und da ist ein Schwätzchen möglich, dennoch herrscht himmlische Ruhe. Als ich am Abend das Büro verlasse, nehme ich natürlich die Schallschutz-Kopfhörer mit. Homeoffice, ich komme!


Mittwoch, 18. März. Ich werde gegen 3.00 Uhr nachts wach und kann nicht wieder einschlafen. Ich setze mich an den PC, um mir in der ARD-Mediathek eine Talkshow herauszusuchen, die mich entweder informiert, unterhält oder – besser noch – einschläfert. Ich werde fündig. Doch nach 15 Minuten ist die Internetverbindung weg. Schockschwere Not! Ohne Internet habe ich keinerlei Verbindung zur Außenwelt! Ich besitze keinen Fernseher, und das analoge Telefon ist schon seit Jahren kaputt und steht nur noch aus Gewohnheit im Flur. Ich starte den Router neu. Die Verbindung funktioniert wieder. Irgendwann in den frühen Morgenstunden kann ich auch einschlafen.

Gegen 9.00 Uhr setze ich mich halbwegs ausgeruht mit einer dampfenden Tasse Kaffee an den Schreibtisch und fahre den PC hoch, die Schallschutzkopfhörer in Griffweite. Ich betrete unseren Firmenchat. Er funktioniert zwar, aber alles ist verlangsamt und ruckelt. Gegen 9.30 Uhr ist die Verbindung komplett weg. Schon wieder! Ich befürchte, dass mein DSL-Kabel einen Wackler hat oder womöglich den Geist aufgibt. Die Geschäfte sind seit heute dicht, und es könnte Tage dauern, bis ich ein neues geliefert bekomme, wenn ich es online kaufe. Wieder starte ich den Router neu. Diesmal bringt es allerdings nichts. Hilfe!

Ich rufe meinen Internetprovider an. Der ist stark frequentiert: Ich werde länger als zehn Minuten in der Warteschleife hängen müssen, teilt mir eine automatisierte Stimme freundlich mit. Ich bin zwar genervt, aber die Erleichterung, dass das Callcenter trotz Corona-Krise offensichtlich besetzt ist, überwiegt. Nach nur 20 Minuten komme ich an die Reihe und erfahre von einer Großraumstörung in und um Berlin, die sich seit dem frühen Morgen manifestiert und gegenwärtig die Netze mehrerer Betreiber stark beeinträchtigt. So etwas könne bis zu 24 Stunden dauern. Ich solle einfach am Abend noch einmal versuchen, den Router neu zu starten.

Nach dieser entzückenden Prognose bin ich bedient. Ich informiere eine Kollegin per Whatsapp, dass ich offline bin. Ihr geht es genauso. Was tun? Ich beschließe, eine Weile zu warten und derweil zu duschen, um es dann eventuell im Büro zu versuchen. Als ich aus der Dusche komme, ist meine Kollegin wieder online, wie sie schreibt. Bei mir ist die Leitung immer noch tot.

Ich fahre ins Büro, wo ich erneut einen wunderbar entspannten Arbeitstag inklusive schneller, störungsfreier Internetverbindung und eines warmen Mittagessens genieße. Und als ich gegen 18.30 Uhr nach Hause komme, funktioniert auch meine eigene Leitung wieder.


Am Donnerstag, den 19. März, scheint alles perfekt zu sein: Mein Notizbuch liegt parat, gegen akustische Unwägbarkeiten bin ich gewappnet und das Internet läuft wie geschmiert. Doch ach, ein zweiter Bildschirm wäre wirklich schön! Sehnsüchtig kreisen meine Gedanken um meinen gut ausgestatteten, idyllischen Arbeitsplatz im derzeit menschenleeren Büro. Und je weiter der Vormittag voranschreitet, desto nachdrücklicher erinnert mich auch mein knurrender Magen an das warme, reichhaltige und bekömmliche Mittagsmahl, das einzunehmen er gewohnt ist.

Ich begebe mich erneut ins Büro. Dieses Mal will ich auf dem Rückweg einen meiner Monitore vom Arbeitsplatz mitnehmen, weshalb ich zu Fuß gehe. Natürlich führt mein Weg mich an der Kantine vorbei. Dort erfahre ich, dass heute der letzte Öffnungstag ist: Coronabedingt sei die Filiale ab morgen, Freitag, geschlossen.

Ich erfreue mich eines herrlichen Nachmittags im sonnendurchfluteten Büro, wobei es mir allerdings inzwischen schwerfällt, den Kolleg*innen dort begreiflich zu machen, dass es jedes Mal höhere Gewalt ist, die mir die Arbeit zu Hause verunmöglicht oder zumindest verleidet. In mir reift die Erkenntnis, dass ich es fortan wohl tatsächlich, vollen Ernstes und trotz aller auftretenden Widrigkeiten im Homeoffice versuchen muss.

Als der Feierabend naht, mache ich wehmütig Klarschiff. Ich sacke einen Monitor ein und durchsuche mehrmals meine Schubladen, um sicherzustellen, dass ich auch wirklich nichts zurücklasse, was ich später daheim vermissen könnte. Ich laufe nach Hause, wobei mir der schwere Bildschirm in der Umhängetasche auf die Schulter drückt und die Gewissheit, dass dies wohl mein vorerst endgültiger Abschied vom Büro ist, aufs Gemüt.

Mein Homeoffice


Am Freitag, den 20. März, bin ich vielbeschäftigt. Eine wichtige Stellungnahme zur Lage des Unternehmens während der Corona-Krise soll an sämtliche Kunden, Lieferanten und Partner verschickt werden. Der Text muss verfasst, lektoriert und mit dem Management abgestimmt werden. Und dann muss ich die Liste der Empfänger, die ich vom Sales-Team erhalten habe, in unser CMS importieren, was Gründlichkeit erfordert und mitunter viel Fummelei bedeutet. Ich habe keine Zeit, über die Vor- und Nachteile der Heimarbeit zu sinnieren.

Nur kurz denke ich am Mittag an die Kantine. Es hilft, zu wissen, dass sie ohnehin geschlossen ist. Ich schmiere mir ein paar Brote und arbeite weiter. Der zweite Monitor, den ich übrigens problemlos anschließen konnte, ist eine echte Hilfe.

Irgendwann am späten Nachmittag ist alles vollbracht. Im Firmenchat treffen wir uns zum virtuellen Freitagsbier. Das Management zeigt sich begeistert davon, dass die erste Woche firmenweiter Heimarbeit ausnehmend gut funktioniert habe – wie einsichtig wir uns in unser Schicksal gefügt hätten, wie fleißig wir trotz ungewöhnlicher Umstände von zu Hause aus arbeiten würden und wie vorbildlich wir auf rein digitalem Wege kooperierten, werden wir gelobt.

Nun ja, so ganz trifft diese Beschreibung auf meine Woche nicht zu. Aber das wissen die Wenigsten. Wie gesagt: Homeoffice hat auch seine Vorteile. Jedenfalls habe am Freitagabend auch ich endlich das Gefühl, im Homeoffice angekommen zu sein.